Das Ende des Zweiten Weltkriegs

 
   

Karl-Heinz Klostermann stellte uns diesen eindrucksvollen Bericht über die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zur Verfügung.
(Der Artikel wurde mit einem Texterkennungsprogramm gescannt, daher bitten wir etwaige Fehler zu entschuldigen)

Der II. Weltkrieg mit allen seinen Schrecken und Grausamkeiten hatte am 08. 05. 1945 sein Ende gefunden.

Trostlose, öde und zerstörte Städte und Strukturen hatte dieser wahnwitzige Krieg hinterlassen Millionen junger Männer hatten an den Kriegsfronten ihr Leben gelassen. Der überwiegende Teil der Überlebenden befand sich in den Kriegsgefangenenlagern der Alliierten.
In der Heimat hatten Frauen und Kinder den wahnwitzigen Luftangriffen Tribut zollen müssen.
Eine trostlose Zukunft schien den Deutschen vorbehalten. Kein Dach über dem Kopf und Hunger in den Därmen, war an der Tagesordnung.

Tatkraft war jetzt gefragt. Für Resignation war keine Zeit. Der nächste Winter kam bestimmt. Die Briten waren die Ersten, die ihre Gefangenen entließen. Die Berufe Bergbau, Landwirtschaft und Reichsbahn wurden dabei bevorzugt behandelt.

Als sie, ich gehörte auch dazu, ab August 1945 die Heimat erreichten, war erstaunlicher Weise schon viel passiert. Straßen waren schon von Trümmern befreit. Hier hatten sich die so genannten Trümmerfrauen schon bewährt. Schienentrassen für Loren waren gelegt, damit der Schutt umdeponiert werden konnte.
Baumaterialien waren säuberlich getrennt gelagert. Besonders fielen die behauenen Ziegelsteine auf. Diese Steine waren vom Mörtel befreit und wieder verwendbar.

Mit den primitivsten Mitteln waren Keller und relativ wenig zerstörte Räume bewohnbar gemacht. Auf engstem Raum konnten die Menschen hier dem nahen Winter entgegensehen.
Zum Glück gab es auch Häuser, die v on jeglicher Zerstörung verschont blieben. Meinen Großeltern. war dieses Glück beschieden. Eine siebenköpfige Familie hatte auf der Etage, die bis dahin von zwei Familien bewohnt war. Einzug gehalten Es war zwar eng. aber zu der Zeit war dieser Zustand schon luxuriös.
Wie bereits erwähnt, waren im Bergbau, der Landwirtschaft und der Reichsbahn die Weichen und Signale bereits auf freie Fahrt gestellt.

Besonders im Bergbau und der Reichsbahn hatten sich die bestehenden Strukturen schnell wieder verbessert.
Diese kam auch mir zu gute. da ich meine durch Wehrmachtszeit und Kriegsgefangenschaft unterbrochene Lehre wieder aufnehmen konnte. Zwar war das Erreichen der Dienststelle und der Heimweg nur unter schwierigen Bedingungen möglich. Ich befand mich aber in einer bevorzugten Lage.
Die Anzahl der Menschen, die eine Arbeit hatten, wenn auch manchmal unter schwersten Bedingungen, gehörten bis zur Währung zu den Bevorzugten.

Vor allen die Menschen, die in den Städten wohnten, sprich manchmal hausen mussten, hatten es ungleich schwerer Wer im Anfang sein Leben in einer primitiv hergerichteten Bleibe, teilweise in einem Kellergewölbe, fristen musste, war da schon arm dran. Einfache Feuerstellen mit einem Ofenrohr durch die Wand geführt waren schon eine primitive Bleibe. Manche Menschen waren überhaupt froh, einen Unterschlupf zu finden.
Im ersten Winter war es noch ziemlich leicht, in den notdürftigen Unterkünften nicht zu frieren. Aus dem Schutt konnte man noch manches Stück Holz zum Feuern ergattern. Trotz aller Missstände ließen sich die Menschen dieser Zeit nicht zur Resignation hinreißen.

Zum Glück gab es Männer und Frauen, die aus den KZ Lagern befreit wurden, die aufgrund ihrer politischen Einstellung von den Nazis eingesperrt waren. Trotz der unterschiedlichen politischen Herkunft setzten sie sich an einen Tisch, um Möglichkeiten zu ergründen, wie man mit den Alliierten um bessere Lebensbedingungen für die Bevölkerung verhandeln könnte. Als anerkannte Gegner des vergangenen Regimes war ihr Wort gewichtiger, als Das jeden Anderen. Trotz der schwierigen Situation, erreichten sie bei den Besatzungsmächten eine einigermaßen notwendige Versorgung. Meldestellen wurden eingerichtet, in denen die
Menschen registriert wurden, die dann Lebensmittelkarten und Bekleidungsmarken erhielten. Die Versorgungslage war gelinde gesagt nicht rosig, denn die ausgeteilten Marken waren manchmal nicht einzutauschen. Zumindest war die Organisation und die gerechte Verteilung effektiver.
So erinnere ich mich, dass ich am Tage noch meiner Heimkehr aus der Kriegsgefangenschaft, mit meinen Entlassungspapieren zum Rathaus musste. Dort bekam ich nach meiner Meldung meine Marken und einen kleinen Geldbetrag.
Hierbei handelte es sich um eine Grundausstattung für Jedermann. Menschen die bereits in die damalige Arbeitswelt eingegliedert waren, erhielten nach der Schwere dieser Arbeit, Schwer- und Schwerstarbeiterzulagen.

Wer diese Zeit nicht miterlebt hat, kann sich kaum vorstellen, wie schnell sich die Entwickelung vollzog. Die stahlerzeugende- stahlverarbeitende Industrie kam schnell wieder auf die Beine. Die Abhängigkeit der einzelnen Industrien forcierte den Aufstieg insbesondere. Die Stahlkocher brauchten die Kohle. Somit mussten die Verkehrswege schnellstens wieder ausgebaut werden. Vorrangig war damals der Schienenweg. Das bedeutete, Brücken. Bahnstationen und Gleiswege wurden mit immenser Geschwindigkeit gebaut. Dampfloks und
Güterwaggons werden gebaut und überholt. Dies war ein Kreislauf, der unsere Wirtschaft auf Trab brachte, da man hier besonders aufeinander angewiesen war. Trotz der Geschwindigkeit des Aufschwungs war es noch recht wenigen v ergönnt, seine Lebensqualität zu verbessern.
Kompensieren und Hamstern standen zur Verbesserung des Lebens auf der Tagesordnung.

Es ging um das nackte Überleben. Fahrten Richtung Münsterland. Warstein (Scherffede) und die Pfalz, standen auf der Tagesordnung. Das Münster und Sauerland standen in erster für Linie Butter. Kartoffeln. Getreide und die profanen Wibbelbohnen. In der Pfalz wurde der begehrte Tabak geordert. Für ein freundliches Gesicht war aber auch an diesen Stellen nichts zu ergattern. Vor allem wurden in diesen Gegenden. Schaufeln, Harken und Hacken als Tauschgut willkommen geheißen, die gerade hier in unserer Gegend hergestellt wurden. Es sollen sogar Teppiche für den Kuhstall getauscht worden sein.

Bis zur Währung waren diese Tauschbörsen sehr gefragt. Um in die Gegenden zu gelangen, in denen man das Tauschgeschäft vollziehen konnte, bedurfte es mancher beschwerlichen Fahrt. Ich erinnere mich noch gut an diese Zeit. Um von dem Hagener Bahnhof zu meiner Lehrstelle, dem Reichsbahn- Ausbesserungs-Werk in Sehweite-Ost zu gelangen, mussten wir mit dem Zug. um 6.17 Uhr Richtung Warstein fahren. Wenn wir auf dem Bahnsteig ankamen, waren bereits alle Abteile mit Menschen und Waren besetzt. Selbst Dächer. Puffer und Trittbretter waren besetzt. Deshalb den Zug ohne uns abfahren lassen, hätten wir uns nicht gewagt. Unser Lehrherr hatte uns zur Minna gemacht So quetschten wir uns in die Menge, um unser Ziel zu erreichen.
Da mittlerweile die Zechen schon reichlich Kohlen förderten, kam ein Abfallsprodukt auf den Markt. Da wegen der Gütegruppen kein Staub auf den Kohlen sein durfte, wurden diese gewaschen. Der hierbei entstehende Schlamm wurde als Schlammkohle vermarktet. Die Bergleute bekamen ihre Deputat-Kohle und uns überließ man eben diese Schlammkohle. Aber immer noch mehr als nichts.
Die Tatkraft der Menschen und ihr Lebenswille trugen dazu bei. dass immer mehr Normalität einkehrte.
Es entstanden Lokale, in denen das alkoholfreie Leichtbier ausgeschenkt wurde. Tanzlokale und Tanzschulen etablierten sich und wurden gut besucht. Es war schon manchmal staunenswert wie viele Tanzkapellen es gab.
Es gab keinen Stadtteil, der nicht ein Tanzlokal beherbergte. Kinos gab es da. wo ein einigermaßen brauchbarer Raum vorhanden war. Die Menschen standen Schlange, um eine Eintrittskarte zu ergattern. In dieser Zeit war es schon ein Teil von Lebensqualität, ein Kino besuchen zu können. Theatervereine wurden gegründet.
Meines Wissens machte in dieser Zeit in unserer Stadt. Euterpe den Anfang. Fußball. Handball. Leichtathletik und Turnen kam schnell in Mode. Trotz der anfangs mageren Kost. ließ man es sich nicht nehmen. Sport zu betreiben. Die teilweise von Bomben zerstörten Sportplätze werden in eigener Regie für den Sportbetrieb hergerichtet. Man fand auch Zeit. mit den primitiven vorhandenen Mitteln Turnhallen wieder herzurichten. Und all dieses bei viel Hunger, vor der Währungsreform.
Die Sportvereine durften am Anfang ihre alten Namen nicht mehr benutzen, die Militärregierungen hatten dieses untersagt. Die Demokraten, voran die ausgewiesenen Antifaschisten, erreichten aber schon 1946 bei den Alliierten, dass die alten Namen und Strukturen wieder eingeführt werden durften.
In vielen Sportvereinen wurde neben dem Sport, vor allem die Geselligkeit gepflegt. Besonders hervorzuheben waren die Karnevalsveranstaltungen in Altenhagen und Eckesey. In der Wolfskuhle feierten die Mitglieder und Gönner von Eintracht Eckesey ihre Sitzungen und im Hohenzollernsaal die von Westfalia Hagen.
Das Besondere an diesen Veranstaltungen war. dass die Programme von den eigenen Leuten gestaltet und vorgetragen wurden. Die Güte der Aktiven ist daran zu erkennen, dass sie in der Hochburg des Westfälischen Karnevals, in Münster gern gesehene Akteure waren. So war es nicht ungewöhnlich. dass in Übertragungen des Radios, von diesen Sitzungen auch die Hagener Künstler zu hören waren. Die heutigen Blau- Weißen – Funken sind aus dem Sportverein Westfalia Hagen hervorgegangen.
Vor der Währung waren die Gagen jedoch eher kläglich. Manchmal brachten die Aktiven von Auftritten in ländlichen Gegenden lieber etwas Essbares mit.

Aus dem gleichen Grund fuhren die hiesigen Sportler auch gerne ins Sauerland zu Sportveranstaltungen. An den Tagen, an denen man sich bei den Gastgebern aufhielt, gab es immer reichlich zu futtern. Auch selbst gebrannter Schnaps half zum Gelingen von Veranstaltungen bei. Mancher Sack Kartoffeln musste auf der Rückfahrt mitgeschleppt werden. Aber der Sinn der Fahrten zu diesen Veranstaltungen war ja auch der, sich
für einige Zeit Zusatzverpflegung zu versorgen.

Karl-Heinz Klostermann